• Ysold Abay

H wie Howdy (Kurzgeschichte)

Aktualisiert: März 8

Hinter mir fällt die Haustür mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Ein befreiendes Seufzen verlässt meine Lippen, als ich in das Leuchten der untergehenden Sonne blinzle, die zu meiner Rechten langsam am Horizont versinkt. Die Mondlandschaft meines Gartens, eine nie enden wollende Baustelle, begrüßt mich hier draußen. In vollem Kontrast zu all dem trockenen Gestrüpp und den verdorrten Pflanzen strahlt die Ellie, die seit kurzem in der Einfahrt steht, in wunderschönem Rot. Ich gehe langsam daran vorbei und streiche abwesend, beinahe unterbewusst, mit der Hand über den glänzenden Lack des Fahrzeuges. Mit einem Lächeln auf den Lippen genieße ich das Gefühl des kalten Metalls auf meiner Haut und das elektrisierende Kribbeln, dass das Muscle Car in mir auslöst.

Die Luft hier oben ist wie immer warm und trocken. Es riecht staubig. Wild, unbezwungen und nach grenzenloser Freiheit. Ich atme tief ein und halte den Atem für einen Augenblick in meinen Lungen. Dieser unverkennbare Geruch, der sich für mich so viel mehr nach einem zu Hause anfühlt, als es vier Wände und ein Dach darüber jemals tun könnten. Mit einem erneuten Seufzen gehe ich weiter.

Ein lauer Windhauch weht über die menschenleere Straße vor meinem Haus. Staub wird aufgewirbelt und streift über den rissigen Asphalt. Der Sand knirscht unter der Sohle. Für einen kurzen Augenblick denke ich darüber nach, den Dienst sausen zu lassen und mit meinem neuen „Spielzeug“ über die Straße zu brettern. Das würde dem Chief so gefallen ... Die Bison-Lederhose knarzt, als ich mit langsamen Schritten in Richtung Hauptstraße weiter gehe und vor mir die Rückseite des SD auftaucht. Hier draußen fühle ich mich wohl - wenn ich gleich in die helle Uniform schlüpfen und den sandfarbenen Hut auf den Kopf setzen kann. Für mich ist der Titel des Sheriffs so viel mehr als „die sandige Bezeichnung von einem Stadt-Polizisten“.

Von der Seitenstraße neben dem Department ausist durch das Fenster bereits das Sheriff-Büro zu sehen, ich erkenne die holzvertäfelte Rückwand und die glänzenden Auszeichnungen daran. Der kleine Raum, in den augenscheinlich mehr Interieur als in mein eigenes Wohnzimmer gestellt wurde. Sofort muss ich an die caramellfarbene Leder-Couch denken. Die glatte, weiche Oberfläche, die sich angenehm an die den Körper anschmiegt oder die durchgesessenen Polster, in die man tief einsinkt. Zudem erfüllt diese ja einen wertvollen Sinn, wenn jemand in das Büro zitiert wird.

Die Straße, die nun vor mir den Weg kreuzt, wird von einer angenehmen Stille erfüllt, als ich kurz stehen bleibe. Den Daumen der linken Hand habe ich locker am Gürtel eingehakt und den Blick auf die glänzend weiße Motorhaube des Starniers gerichtet, der neben mir am Wegesrand steht. Der orange-rote Sonnenschein spiegelt sich grell im glänzenden Lack des Wagens und für einen Moment kann ich einen Blick auf mein Spiegelbild im Fahrerfenster werfen. Ich rücke noch einmal mit strenger Mine den Statson zurecht.

Bevor ich allerdings den Dienst im Department antrete, gibt es da noch eine wichtige Sache, die ich erledigen muss. Der Weg führt mich am Rand der Straße entlang, vorbei an heruntergekommenen Häusern zur linken Seite und einem weitläufigen Blick über sandige Berge und kahle Flächen zur Rechten.

Die wenigen hundert Meter bis zum 24/7 begegnet mir keine Menschenseele - wie sollte es hier draußen auch anders sein. Ich öffne die Tür des Ladens, die nur ein müdes Quietschen von sich gibt. Dann steuere ich zielstrebig auf eines der hinteren Regale zu, wie ferngesteuert, weil ich das schon so viele Male gemacht habe. Genau auf Augenhöhe springt mir die grün-weiße Dose im Kühlschrank förmlich entgegen. Das Motiv so vertraut, dass ich den prickelnden Geschmack ihres Inhalts fast auf meiner Zunge schmecken kann.

Ich strecke die Hand aus. Kühle Luft streift meine Haut und ich fühle die feuchten Tropfen, die sich auf dem glatten Aluminium gebildet haben, an meinen Fingerspitzen. Ich spüre sogar die Unebenheiten des Schriftzuges, der in breiten Buchstaben darauf gedruckt ist.

Gerade in dem Moment, in dem ich das kalte Getränk aus dem Regal nehmen will, höre ich Schritte hinter mir. Nur ein leises Schlurfen auf den Fliesen, ein Steinchen, das von einer Schuhspitze angestoßen wird und über den Boden kullert. Noch mit der Sprunk in der rechten Hand drehe ich mich Millimeter für Millimeter um. Die Kühlschranktür fällt mit einem dumpfen Klatschen hinter mir zu.

Mein Blick trifft unter dem Rand des Huts auf eine schmale Gestalt. Die schwarzen Haare sind zu einem lockeren Zopf geflochten, der sanft über die Schulter nach vorne gefallen ist und im Deckenlicht der Neonröhren bläulich schimmern. Die knallenge Hose betont die langen Beine. Schnell wende ich den Blick davon ab, nur um ihren wunderschönen, kleinen Bauchnabel zu betrachten. Ein Stück nackte Haut darüber beginnt ein dunkler Pullover, auf dem ein einziger großer Letter in leuchtendem gelb hervorsticht.

H.

H wie Howdy.


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Und zusätzlich gibt es eine Hörbuch-Variante vom lieben Totulus_tv, dessen Charakter im LuckyV Roleplay mich zu dieser kurzen Story inspiriert hat <3



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