• Ysolda Abay

Die Wasserleiche

„Ist das dein Ernst?“ Die Wut glitzert in ihren Augen. „Wie kann man nur so verdammt unvorsichtig sein?“

Er ist gar nicht dazu gekommen, ihr zu erklären, wie alles passiert ist. Das ist auch nicht nötig. Er hat das kleine Häuschen, das sie ihren Unterschlupf nennen, betreten und sie stand schon vor ihm. Die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick kritisch auf den Plastikbeutel in seiner Hand gerichtet. Er verkündet freudig, dass alles glatt gelaufen ist und er die kostbare Ware dabei hat, aber es ist nur noch eine weitere Frage von ihr nötig, um ihn aus dem Konzept zu bringen.

„Und die Leiche?“ Seine daraufhin gestammelten Worte sind ihr wohl Antwort genug.

„Es ist doch nichts passiert…“, murmelt er und geht mit der Tüte zur kleinen Küchenzeile hinüber. Er legt seine Ausbeute auf der Arbeitsplatte ab und beginnt, die Schränke nach einer Schüssel oder etwas Ähnlichem zu durchsuchen. Die Bruchbude, in der sie momentan untergekommen sind, ist wirklich das Letzte.

„Nichts passiert?“, kreischt sie hinter ihm. „NICHTS PASSIERT?“

„Beruhige dich!“, faucht er zurück und dreht den Kopf, um sie anzublicken. „Ich war wirklich schnell.“

Endlich hat er ein geeignetes Gefäß gefunden. Er knotet den Beutel auf und leert den Inhalt, bis zum letzten Tropfen Flüssigkeit in die ramponierte Porzellanschüssel. Im schummrigen Deckenlicht spiegelt sich ein Teil seines Kopfes in dem Saft, der das rohe Fleisch umgibt. Saftig und frisch liegt es vor ihm. Ihm läuft das Wasser im Mund zusammen und er kann sich nicht dagegen wehren, dass er seine Hand ausstreckt. Er taucht seinen Zeigefinger in die dickflüssige, lauwarme Nässe.

„Lässt du wohl die Finger davon!“, knurrt es neben ihm und er zieht erschrocken seine Hand zurück. Er will nach dem Tuch in seiner Jackentasche greifen, dass er immer dabei hat, um das Blut abzuwischen. Denn es abzulecken, wäre eine denkbar schlechte Idee. Aber das Tuch ist nicht da. Nicht da, wo er es vorhin noch gehabt hat.

Panisch sucht er auch in den anderen Taschen seiner Jacke. Obwohl er es dort nie hineinsteckt. Immer nur in diese eine Tasche, weil er es da schnell erreichen kann, auch mit der linken Hand. Deswegen hat er es auch vorhin gebraucht. Seine rechte Hand war… Nun ja. Sagen wir, sie war „schmutzig“ gewesen, weil der Inhalt des Beutels irgendwie dort hineingekommen sein musste.

„Mist…“, murmelt er und dreht sich zum Raum hin, um diesen mit dem Blick abzusuchen. Doch weder auf dem Boden oder in der Nähe der Eingangstür, kann er sein Tuch erkennen.

„Was?“, fragt die Frau neben ihm vorwurfsvoll – als wüsste sie ganz genau, dass etwas nicht stimmt.

„Ich hab… mein Tuch verloren“, murmelt er abwesend und geht zur Haustür hinüber. Er öffnet sie und wirft einen prüfenden Blick nach draußen. Aber auch dort ist er nicht. Es könnte überall auf dem Weg vom See bis hier her liegen. Es könnte auch noch beim See liegen. Bei der Leiche, die er dort zurückgelassen hatte.

„Was für…“ Sie unterbricht sich selbst mitten im Satz. „Moment, du meinst DAS Tuch? Das verdammte Tuch, mit dem ganzen Blut dran?“

„Mhm“, macht er bestätigend, bevor er sich noch einmal zu ihr umdreht. „Mach schon mal das Abendessen, ich geh nochmal los.“

Er muss den ganzen Weg zurück gehen, den er vorhin mit dem Beutel in der Hand gegangen ist. Aber eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Fahrzeuge hinterlassen Spuren. Er nicht.

Auf dem Weg zum See fällt ihm das viele Geheule der Sirenen auf. Dunkle Fahrzeuge fahren an ihm vorbei. Ein Krankenwagen. Mehrere Polizeiwagen. Er ahnt, was ihn gleich erwartet, wenn er den steilen Feldweg erreicht. Denn es kann nur dort oben liegen. Auf dem ganzen Weg hat er das Tuch bisher nicht gesehen. Er lässt sich davon allerdings nicht aus der Ruhe bringen. Auf solche Fälle ist er vorbereitet. Er greift in seine Tasche und holt eine Marke heraus, die er einmal jemandem abgenommen hat, der sie nicht mehr gebraucht hat. Denn obwohl er keine Spuren hinterlässt, ist er noch lange nicht unsichtbar.

„Hier ist gesperrt“, teilt ihm ein genervt aussehender Polizist mit, der am Beginn des Feldweges an seinem Fahrzeug lehnt. Wortlos hält er ihm die Marke hin und wird ohne weitere Fragen durchgewunken. Was für ein Idiot, denkt er sich.

Den Hut, den er aufhat, zieht er sich tiefer ins Gesicht, den Kragen des Mantels stellt er auf. Die Hände vergräbt er tief in den Taschen. Je weniger die Leute hier von ihm sehen, desto besser. Auch wenn er nur wenige Sekunden braucht, um das scheiß Tuch zu holen, kann es doch nicht schaden, vorsichtig zu sein.

Je näher er kommt, desto deutlicher wird der Geruch nach Blut in der Luft. Vielleicht kann auch nur er diesen süßen Duft so stark wahrnehmen. Er fragt sich, wie sie die Leiche so schnell gefunden haben. War sie nicht richtig untergangen? Hatte ihn jemand beobachtet? Oder war es nur reiner Zufall? Ein Glücksgriff?

Er kommt oben an und marschiert durch die herumwuselnden Polizisten, als wäre es sein eigenes Reich, in das sie eingedrungen sind. Hier, am Stausee, ist die Luft frisch und feucht. Er muss über den Staudamm gehen, der schäbig und heruntergekommen ist. Zu seiner rechten ist das Wasser, dass in gleichmäßigen Rhythmus gegen die Betonwand schwappt. Zu seiner linken geht es tief in den Abgrund. Vor ihm erstreckt sich ein sandiger Feldweg, der am See entlangführt.

Er geht zielstrebig auf den Ort zu, an dem er den Körper ins Wasser geschubst hat und stellt fest, dass er nur wenige Meter davon, auf einem klapprigen Holzsteg, wieder herausgefischt worden ist. Es ist, bis auf ein paar Laternen, stockfinster hier draußen. Der Mond ist nur eine schlanke Sichel, die Sterne glitzern am mitternachtsschwarzen Himmel. Die grellen Baustrahler, die überall um den Fundort aufgestellt worden sind, blenden ihn fast.

„Ekelhaft“, hört er einen Polizisten im Vorbeigehen sagen. „Hast du das Loch gesehen?“

„Der ganze Weg ist voller… Blut“, antwortet sein Kollege. Wenn ihn sein Gehör nicht täuscht, und das tut es eigentlich nie, kann er jemanden hören, der sich im Hintergrund in die Büsche übergibt. Romantisch, so bei Mondschein.

Die Stelle, an der das Blut den sandigen Weg dunkelrot gefärbt hat, ist weiträumig abgesperrt. Er kann noch ganz deutlich vor sich sehen, wie der Körper vor wenigen Stunden vor ihm lag, auf dem staubigen Untergrund. Sie waren umgeben von Dunkelheit und Stille. Nur der Sternenhimmel über ihnen und das sanfte Rauschen des Wassers. So mag er es am liebsten. Manchmal wünscht er sich er könnte eine Erinnerung mitnehmen. Ein Foto davon machen. Den Moment einfangen. Aber das wäre zu gefährlich. Schlimm genug, dass ihm heute so ein bescheuerter Fehler passiert ist und er nicht offensichtlich nicht bei der Sache war.

„Sind sie von der Detective Unit?“, wird er plötzlich, kurz vor seinem Ziel, aufgehalten. Links von sich kann er einen Teil des Körpers erkennen. Diese hässlichen Turnschuhe, die der Typ getragen hat. Die hochgezogenen Socken. Bis zu dem Punkt, an dem die Sporthose beginnt. Den Rest der Sicht versperren ihm die Beamten, die alle entsetzt auf die Leiche hinunterblicken. Auf sein Kunstwerk.

„Ähm… Ja“, bestätigt er mit verstellter Stimme und hält dem Mann vor sich, ohne den Kopf zu heben, die Marke vor das Gesicht.

„Haben sie den Körper schon gesehen?“, fragt dieser unbeirrt weiter. Sein Blick schweift zu der Blutlache im Sand und er versucht das Tuch auszumachen, das dort liegen muss.

„Mehr oder weniger“, murmelt er zurück. Er kann das Hemd sehen, dass er dem Mann ausgezogen hat. Es liegt noch im Sand. Die Sonnenbrille, die er auf seinem Kopf gehabt hat, achtlos daneben geworfen. Und da. Das Tuch. Das blutige Tuch, an dem er seine Finger nach der Tat abgewischt hatte und auf dem vor vielen Jahren fein säuberlich seine Initialen eingestickt worden waren.

„Bisher haben wir keine Spuren gefunden.“ Während er zum Tatort hinüber geht, folgt ihm der Polizist und spricht weiter. „Keine Fußabdrücke, keine Reifenspuren, keine Werkzeuge. Nichts.“

Er geht in die Hocke und tut, als würde er sich übermäßig für den blutroten Sand vor sich interessieren. Teilweise war die rote Flüssigkeit schon versickert, an anderen Stellen haben sich kleine Pfützen gebildet, wie nach einem Regenschauer. Hier ist der Geruch nach Blut und Tod ganz deutlich. Er kann den Geschmack beinahe auf seiner Zunge schmecken, so nah ist er der dickflüssigen Köstlichkeit.

„Wer auch immer das getan hat, er muss dem armen Mann das Herz mit der bloßen Hand rausgerissen haben“, sagt der junge Mann hinter ihm.

„Tatsächlich“, flüstert der Mann in der Hocke und streckt die Hand nach dem Tuch aus, das nun in seiner Reichweite liegt.

„Er muss ein Geist gewesen sein“, spekuliert der junge Beamte weiter. Zum Glück hat er immer einen Plastikbeutel in seiner Innentasche, in den er nun das Tuch stecken kann. Das würde seiner Tarnung als Detective guttun. Die war normalerweise für kleine, naja, Souveniers.

„Vielleicht auch etwas animalischer, meinen Sie nicht?“ Im Aufstehen zwinkert er dem Polizisten zu und steckt sich die Plastiktüte in die Innentasche seines Mantels.

„Wie ein… Vampir?“, fragt dieser entsetzt.

„Vielleicht“, erwidert er achselzuckend. „Vielleicht auch nicht.“

„So einen Blödsinn gibt es nur in Filmen“, lacht der Beamte. Aber dem Mann, der nun das Beweisstück Nummer eins in seiner Innentasche hat und an seinem eigenen Tatort steht, ist nicht nach lachen. Er muss schleunigst von hier verschwinden, bevor er zu sehr auffällt. Schlimm genug, dass er sich mit diesem Mann hier unterhalten hat.

„Ich wäre mir da nicht so sicher.“ Er dreht sich zum Staudamm um und hebt die Hand, um sich zu verabschieden. „Sie sollten dunkle Gassen meiden.“

Während er sich zwischen all den Polizisten hindurchschlängelt und unauffällig versucht zu verschwinden, wird ihm klar, was dieser kurze Plausch gerade bedeutet. Es bedeutet, dass es für diese Woche nicht bei einem einzigen Mord bleiben würde. Seine Frau würde ein weiteres Mal ein köstliches, saftiges und frisches Herz für ihr Abendessen zubereiten können. Und dieser arme Kerl, mit dem er sich dummerweise so ausgiebig unterhalten hat, weiß zu viel. Tja, schade um ihn.



2 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen