• Ysolda Abay

Der Kapitän

„… aber das Licht ist seit Jahren defekt. Das scheiß Ding bekommt niemand repariert, meint er. Da gibt es diese Gruselgeschichte, die die alte Frau erzählt, die mal hier gewohnt hat. Zuerst hat sie immer die Stahltür gehört, die geöffnet wurde und kurz darauf mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen ist.“

Der junge Mann auf dem Fahrersitz, das spärliche Licht im Auto beleuchtet sein Gesicht unheimlich von der Seite, schlägt zur Unterstreichung seiner Erzählung beide Hände aneinander.

„Nach einer Weile konnte sie einen Schatten erkennen. In dem Glaskasten ganz oben. Und um genau 01:38 Uhr, einmal im Jahr, geht für eine Minute das Licht des Leuchtturmes an. Jeder, der sich um diese Uhrzeit an der Klippe aufhält, wird von den Wellen verschluckt - wie der Kapitän.“

Die einzige Reaktion, die er auf diese sonderbar gruselige Geschichte bekommt, ist ein verächtliches Schnauben des Mädchens, das neben ihm sitzt. Sie hat sich auf dem Lederpolster in seine Richtung gedreht, die Arme vor der Brust verschränkt und die Augenbrauen hoch in die Stirn gezogen.

„So ein Blödsinn“, sagt sie kopfschüttelnd und dreht sich wieder zur Windschutzscheibe. „Du willst mir doch nur Angst machen!“

„Kein Scheiß, Roger hat es genau so erzählt!“

„Du würdest ihm auch glauben, wenn er dir von fliegenden Autos erzählt“, schnaubend steigt sie aus dem Wagen, ohne einen Blick zurück auf ihre Begleitung zu werfen. René, der sie mit dem Auto seines Vaters irgendwo ins Nichts zu einem verlassenen Leuchtturm gefahren hat. Sie stehen in einer schmalen Einfahrt, ein Stück abseits der Straße und sie fragt sich in diesem Moment, ob es eine gute Idee gewesen ist, zu ihm ins Auto zu steigen.

Die Hände in die Seiten gestemmt, betrachtet sie das düstere Szenario. Vor ihnen ragt ein großer, rot-weiß gestreifter Turm in die Höhe. An seiner Form und der typischen Bauart unweigerlich als Leuchtturm zu erkennen. An der Spitze ist eine große Aussichtsplattform zu sehen, von der aus man sicherlich einen wundervollen Ausblick hat. Der Mond leuchtet hell, mysteriös und das Rauschen des Meeres ist hier laut und gewaltig. Die Wellen brechen an der kleinen Klippe der Insel des Turmes, die schäumende Gischt wird vom Aufprall des Salzwassers an den Felsen hoch in die Luft gewirbelt.

Hier draußen ist die Luft feucht und kühl. Die einzige Lichtquelle bietet eine flackernde Straßenlaterne zu Beginn der Einfahrt. In der schummrigen Dunkelheit der Nacht ist das heruntergekommene Wohnhaus zur Linken nur schemenhaft erkennbar. Der Garten davor wild und ungepflegt. Die Vogelscheuche mit dem Kürbiskopf wacht tapfer über ihr einsames Reich.

„Nur so aus Neugier“, beginnt die junge Frau und wendet sich desinteressiert dem Gebäude zur Linken zu. „Was hat er noch erzählt?“

„Der alte Mann war Kapitän eines Schiffes“, erzählt er unbeirrt weiter – die Begeisterung für diese alberne Gruselgeschichte ist kaum zu überhören. „Aber durch einen tragischen Unfall auf hoher See, sind alle außer ihm gestorben. Der Alte konnte sein einsames Schicksal nicht ertragen und hat sich von der Spitze des Leuchtturmes in die Tiefen der See gestürzt.“

Ein langer, verwirrter Blick, den Olivia ihrem Gegenüber zuwirft, bevor sie sich kopfschüttelnd zu einem nahen Fenster umdreht, um hindurch zu spähen. Aber selbst, nachdem sie mehrmals mit der flachen Hand über die dreckverkrustete Scheibe gewischt hatte, ist nicht mehr zu sehen, als schemenhafte Umrisse, Staub und Spinnenweben. Eine kleine, schwarze Spinne mit üppigem Hinterteil krabbelt plötzlich durch ihr Blickfeld. Erschrocken macht sie ein, zwei Schritte zurück ins hohe Gras, Gänsehaut breitet sich auf ihren Armen aus. Die Angst kribbelt in ihrem Nacken.

„Lass uns von hier verschwinden!“, ruft sie in Richtung des Mannes, der einige Meter durch das Gartentor gegangen ist. „Hier ist es scheiße langweilig.“

„Komm schon, zwei Minuten noch!“ Er streckt seine Hand in die Höhe, in der er sein Smartphone hält. Sie ist zu weit entfernt, um irgendetwas darauf zu erkennen, aber vermutlich ist es fast halb zwei Uhr nachts. Bescheuerte Zeit, um an einer Klippe und einem uralten Leuchtturm herumzulungern.

„Wenn‘s sein muss…“, seufzt sie genervt. „Dann mach wenigstens ein Foto von mir und dem Ding.“

Während sie sich am Rand der Klippe aufstellt, um für ein Foto zu posieren und er das Smartphone mit beiden Händen in die Höhe hält, bemerkt keiner der beiden das Knarzen und Quietschen – als würde eine rostige Metalltüre geöffnet werden. Der darauffolgende Knall wird vom Geräusch der Wellen verschluckt.

Er sieht es zuerst durch den kleinen Bildschirm des Handys. Es könnte auch der kurze Ausschnitt eines Films gewesen sein, der sich dort abgespielt hat. Sie bemerkt es erst, als das Gesicht des Mannes vor ihr sanft und golden beschienen wird. Bis er versteht, dass es die Realität sein muss und kein Film, ist der Schein des Lichtes bereits zur Hälfte in ihre Richtung gekommen. Das Licht des Leuchtturmes. Das Licht, das, wenn man denn der verrückten Geschichten glauben konnte, nur ein einziges Mal im Jahr leuchtet.

„Olivia! Heilige Scheiße, schau dir das an! Das Licht ist an!“ Anstatt die Kamera weiter auf sie gerichtet zu halten, dreht er sich zum Leuchtturm herum. Der Kegel des Scheinwerfers zieht über die schwarzen Tiefen hinweg, über die schäumenden Wellen und lässt sie beinahe taghell erscheinen.

„Das ist der Sinn eines Leuchtturms, René“, antwortet sie und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Hast du nicht zugehört? Das ist der Geist des Kapitäns!“ Aufgeregt dreht er den Kopf in ihre Richtung. Doch plötzlich ist das Licht bei ihnen angekommen. Erschrocken weicht sie dem hellen Kreis der Lampe aus, der genau in ihre Richtung gezogen war.

Anstatt ebenfalls auszuweichen, springt er in den hellen Kegel. Er wird vom Licht beschienen, als wären sie tagsüber am Strand unterwegs. Er streckt seine Arme in die Höhe und winkt in Richtung des Turmes.

„Hey, hier bin ich, du alter Sack!“, ruft er laut.

„Bist du bescheuert?“ kreischt Olivia. Sie geht auf ihn zu und zerrt an seinem Oberarm, doch er schüttelt sie mit Leichtigkeit ab. Der Versuch, ihr Handy zu ergreifen und aus seinen Fingern zu erhaschen, geht ebenfalls schief. Sie kann nur wie versteinert dabei zusehen, wie es an den Steinen zu ihren Füßen abprallt und in die Tiefen fällt.

„Hast du sie noch alle?!“, schreit sie, die Stimme überschlägt sich beinahe. Es scheint endlich ein Ruck durch ihn zu gehen und Bewegung in ihn zu kommen. Seine Arme sinken herab, der Kopf zuckt zur Seite. Er setzt sich in Bewegung, aber nicht, wie erwartet, auf das Fahrzeug zu, dass zu ihrer Rettung in der Einfahrt steht. Zuerst einen Schritt, dann noch einen. Auf den Leuchtturm zu. Und damit unweigerlich auf die Klippe, die vor ihnen in den tiefschwarzen Abgrund führt.

„René?!“, brüllt sie. „Hallo?! Scheiße, lass uns abhauen!“

Sie schreit laut, aber er macht schon einen Schritt auf den Leuchtturm zu. Auf die Klippe zu. Auf die Wellen, die an den spitzen, grauen Steinen brechen. Sie packt ihn am Arm und will ihn wegzerren, aber er schüttelt sie leicht ab.

„René!“ ruft sie panisch. Aber er hört sie nicht. Wie ferngesteuert geht er weiter. Sie schaut sich panisch um, doch natürlich ist hier niemand zu sehen. Niemand, der sie um Hilfe rufen hört oder ihre Schreie wahrnimmt.

„Er ist mein! Er ist verloren!“, brüllt eine Stimme gegen das Heulen des Windes. Die Wörter gehen beinahe im Rauschen des Meeres unter – oder kommen direkt daraus? Oben im Leuchtturm ist eine Bewegung wahrzunehmen, ein Schatten, der sich auf der Aussichtsplattform bewegt. Olivia streckt die Hände aus und macht einen Satz auf ihren Begleiter zu.

Seine Haut ist kalt, als ihre Finger sein Handgelenk umschließen. Kälter, als es für gewöhnlich gesund ist. Trotzdem packt sie fest zu, stellt sich mit ihren dünnen Ballerinas breitbeinig hinter ihn und zerrt an seinem Arm. Er muss aus dem Lichtkegel des Leuchtturmes, der ihn wie magisch anzuziehen scheint - wie eine Motte, die vom Licht angezogen wird. Doch ein einziger, kräftiger Schubser des Mannes reicht, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Vor Schreck lässt sie sein Handgelenk los und stürzt rücklinks ins Gras.

Sie spürt die feuchte Kühle des Bodens durch die dünne Hose, die sie trägt. Fühlt die Erde und das Kitzeln der Grashalme unter ihren nackten Händen. Von hier unten sieht der Leuchtturm mit der nahen Klippe noch bedrohlicher aus. Als wären sie beide die Spielfiguren, die ohne Chance auf Rettung ihrem Schicksal ausgeliefert sind.

Die Panik in ihren Augen, als sie den Blick des Mannes sucht, ist kaum zu übersehen. Ein letzter, ängstlicher Versuch, ihn zum Aufhören zu bitten, umzukehren und nach Hause zu gehen. Dem Spuk ein Ende zu bereiten. Als er endlich seinen Kopf in ihre Richtung dreht, blicken ihr nur weiße, schattenlose Augäpfel entgegen. Sie atmet zischend ein, hält sich erschrocken die Hand gegen die zitternden Lippen gedrückt, um das Geräusch zu unterdrücken.

Obwohl sich ihre Blicke treffen, ist es, als würde er durch sie hindurchsehen. Für den Bruchteil einer Sekunde, nicht länger als ein Herzschlag, scheint seine Gestalt zu flackern. Ein älterer Mann steht dort, statt René. Die grauen Haare von einer tiefsitzenden Mütze verborgen. Die Uniform akkurat zurechtgerückt. Doch das Bild ist verschwunden, bevor sie es überhaupt richtig wahrnehmen kann.

Und im nächsten Moment tritt er über den Rand der Klippe.

Es bleibt nur das andauernde Rauschen der Wellen zurück, der Salzgeschmack auf der Zunge und der Wind, der wie tausend kalte Nadelstiche auf ihrer Haut zu spüren ist. Die dunkle Nacht, die folgt, als das Licht im Leuchtturm erlischt.


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